Heimatverein

Die „Elektrisch” nach Kostheim-Siedlung

 

Foto links: Endhaltestelle der Linie 8 „Kostheim-Siedlung”: Hochheimer Straße gegenüber Einfahrt Schiersteiner Straße
 

Heimat-Post 2/2002:

Die „Elektrisch” nach
Kostheim-Siedlung
In diesem Jahr hätte man in der Kostheimer Siedlung ein Jubiläum feiern können, wenn es den Jubilar noch gäbe. Die Straßenbahnlinie, die einst die Siedlung mit Mainz verband, wäre in diesem Jahr 75 Jahre alt.

Genau am 16. April 1927 – dem Karsamstag – rollte die erste „Elektrisch“ entlang der Hochheimer Straße bis zu ihrer Endstelle etwa gegenüber der Einmündung der Schiersteiner Straße.
Doch wie kam es überhaupt zu dieser Linie? Nach dem 1. Weltkrieg kam es durch im Krieg verlorene Gebiete zu einem Bevölkerungszuwachs, der u.a. die Stadt Mainz zwang neuen Wohnraum zu schaffen. Eines der dafür vorgesehenen Gebiete war das Gelände zwischen der Taunusbahn (Bahnlinie Wiesbaden – Frankfurt) und der Hochheimer Straße in Kostheim.
Ab 1919 mussten die Grundbesitzer – Kostheimer Landwirte und Kleingärtner – Gelände an die damals gegründeten Mainzer Kleinwohnungsbau GmbH (heute Wohnbau Mainz) abtreten, die dort dann vornehmlich Reihenhäuser baute
Bis etwa Mitte der Zwanziger Jahre fanden hier ungefähr 250 Familien bezahlbaren Wohnraum.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bevölkerung in der Siedlung eine Größe erreicht, die u. a. eine neue Grundschule (heute Brüder-Grimm-Schule) notwendig werden ließ. Ebenso wurde 1925 mit einer Pfarr- Kuratie der Grundstein zur heutigen Pfarrei Maria Hilf gelegt.
So wurde auch der Ruf nach einer Nahverkehrsanbindung laut, da der Weg zu der seit knapp 20 Jahren bestehenden Linie nach Kostheim / Mainbrücke unzumutbar weit war.
Dem Vorschlag die Anbindung durch eine Omnibuslinie zu realisieren wurde rasch eine Absage erteilt.. Man bevorzugte eine Straßenbahnlinie, die von der Kreuzung Philippsring /Kostheimer Landstraße /Hochheimer Straße entlang der letztgenannten Straße führen sollte. Dieser Vorschlag wurde Anfang Juni 1926 vom Mainzer Stadtvorstand abgesegnet.
Da man zunächst vergeblich auf die Konzession wartete, konnte der Bau der ca. 780 m langen zunächst komplett eingleisigen Strecke erst im Februar 1927 beginnen.
Die Arbeiten gingen zügig voran, so dass der Mainzer Anzeiger am 17. März berichten konnte, dass die Gleisanlage bis auf ein kurzes Reststück fertig ist und derzeit die Oberleitung sowie eine neue Straßenbeleuchtung installiert wird. Man ist zuversichtlich, die Arbeiten bis Ende März beenden zu können.
Am 7. April ist in derselben Zeitung zu lesen, dass an der neuen Straßenbahnstrecke derzeit noch Restarbeiten vorgenommen werden und bis zum 10. mit der Eröffnung zu rechnen sei. Dies wird am 9. dahingehend korrigiert, dass die Inbetriebnahme erst nach einer landespolizeilichen Abnahme erfolgen kann, da es sich um eine neue Strecke handelt. Diese Prüfung war auf den 14. (Gründonnerstag) terminiert, so dass mit der Betriebsaufnahme am 16. zu rechnen ist.
Und tatsächlich nahm an diesem Tag die verlängerte Linie 4 auf der Strecke Mainz/Hbf – Kaisertor – Kastel – Kostheim / Siedlung den Betrieb auf der neuen Strecke auf. Dies geschah offensichtlich ohne große Einweihung, da die Presse keine Notiz davon nahm.
Mit dieser Inbetriebnahme hatte das Mainzer Straßenbahnnetz mit 34,8 km Streckenlänge seine größte Ausdehnung erreicht.

Schon nach wenigen Wochen, zu Fahrplanwechsel am 11. Mai übernahm die Linie 3 die Bedienung der Siedlung auf der Strecke Straßenbahnamt – Bismarckplatz – Hbf – Höfchen – Brückenkopf – Kastel – Kostheim / Siedlung.
1928 wurde zur Verbesserung des Verkehrs und um überhaupt Beiwagen-Einsatz möglich zu machen, an der Endstation eine Ausweiche eingebaut.
Brachte der Fahrplanwechsel vom 11. Mai eine noch nie da gewesene Wagendichte (z. B. vom Höfchen zum Bhf Kastel alle 3 Minuten eine Bahn), so musste diese ab 1929 bedingt durch wirtschaftliche Verhältnisse (Weltwirtschaftskrise) wieder zurückgenommen werden.
Vom 1.12.1933 bis 27.4.1934 gab es auf denn Linien 3 und 7 ein Schienenersatzverkehr mit Omnibussen, weil die Straßenbrücke (heute Theodor-Heuss-Brücke) saniert und dabei die Gleise von der Rand- in die Mittellage verlagert wurden.
Mit dem Fahrplanwechsel vom 8. Juli 1935 nahm nicht nur die Verkehrsdichte wieder zu. Es gab auch Änderungen in den Streckenführungen. So bediente jetzt die Linie 8 die Siedlung. Sie verkehrte auf der Strecke Bretzenheim – Große Bleiche – Brückenkopf – Kastel – Kostheim / Siedlung. Auf dem Weg zurück nach Bretzenheim fuhr sie über Höfchen statt über Große Bleiche.
Als weitere Neuerung, konnten die Fahrgäste feststellen, wurden die bisher farbigen Zielschilder an den Triebwagen durch weiße mit schwarzer Schrift ersetzt. Die bisher vor und hinter der Zielangabe stehende Liniennummer wanderte auf eine separate runde Scheibe über das Zielschild.
Die Linie 8 fuhr auf der Strecke Bretzenheim – Kostheim / Siedlung abgesehen von kriegsbedingten Unterbrechungen bis die Sprengung der Straßenbrücke 1945 diesen Streckenabschnitt zerstörte.
Während nun ab Ende November 1947 ein Straßenbahn-Inselbetrieb von Kastel nach Kostheim /Hauptstraße aufgenommen wurde, hielt man dies für die Strecke in die Siedlung nicht für notwendig, zumal diese von der seit 1946 von Mainz Hbf nach Kostheim verkehrenden Omnibuslinie mit bedient wurde.
Am 16.4.1950 war es endlich soweit. In Anwesenheit von Bundespräsident Theodor Heuss konnte die Straßenbrücke feierlich wieder eröffnet werden, und die Straßenbahnen, darunter auch die Linie 8, nahmen wieder ihren gewohnten Weg über die Brücke.
Erst zum Fahrplanwechsel am 1. September 1955 wurde die "8" durch die bisher nach Kostheim /Hauptstraße verkehrende Linie 7 ersetzt, der auf diesem Kurs bis zur endgültigen Einstellung der Straßenbahn am 31. August 1958 nur noch drei Jahre Dienst vergönnt waren.
Heute wird die Siedlung von Mainz und Wiesbaden aus mit mehreren Omnibuslinien erreicht.
Im Heimatmuseum Kostheim ist im Advent diese Jahres eine Ausstellung zum Thema „Straßenbahn in Kostheim“ geplant.

Thomas Frey

Literatur: H. Neise, Mainz und seine
Straßenbahn 1883 – 1983. 1983
Verschiedene Artikel im Mainzer Anzeiger
K.Stamm, Kostheim – Kurzgefasste Geschichte   1983
 

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