Heimatverein

Zur Einweihung der „Bonifatius-Route“ am 10. Juli 2004

 

 

Zur Einweihung der „Bonifatius-Route“
am 10. Juli 2004
Norbert Treutzl

Wallfahren ist für viele Kostheimer Bürger ein alljährliches Ereignis. Im Jahre 1999 feierten sie das 555jährige Jubiläum der Wallfahrt zur Kapelle in Gimbach und später zur Pfarrkirche in Fischbach, ungerechnet die Wallfahrten zwischen 600 und 1400 zusammen mit anderen Gemeinden aus Frankfurt und dem heutigen Main-Taunus-Kreis und ebenfalls unberechnet die Jahre, in denen die Wallfahrt verboten war. Diese Wallfahrten galten und gelten noch immer einem Versprechen und zeitbedingten Bitten im Rahmen der Marienverehrung. Nun kommt mit der Bonifatius-Route etwas Neues und Umfassenderes hinzu.
Einen Verein zu gründen, mit dem Ziele, einen Weg als Pilgerweg zu definieren, der mit größt möglicher Annäherung dem Weg entspricht, auf dem man im Jahre 754 den Leichnam des Erzbischofs von Mainz nach Fulda gebracht hat, halte ich für eine grandiose Idee. Und dies nicht nur, weil er zwei große christliche Zentren miteinander verbindet, sondern weil er mit gleicher Intension alle Stationen auf diesem Weg wie Perlen auf einen Faden einfädelt, miteinander verbindet und der allein mit der immer wieder bewusst zu machenden Bezeichnung als Bonifatius-Route an christliche Werte erinnern und christliche Visionen wecken kann, gleichgültig, ob eine kürzere oder längere Strecke als Wallfahrtsprogramm gewählt wird, denn rund 180 km an einem Stück wird wohl die Ausnahme sein. Mit der Jahrhunderte langen Bindung Kostheims an kirchliche Institutionen und auch wegen der mit dieser Route verbundenen Förderung touristischer Infrastrukturen durfte Kostheim als eine der Wanderstationen keinesfalls fehlen
Kostheims Geschichte ist nachweislich eng verbunden mit weltlichen und kirchlichen Ereignissen aller Epochen, angefangen mit Zeiten der Völkerwanderung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Dafür mitverantwortlich ist zweifellos seine Lage an der Mainmündung und damit im Vorfeld von Mainz, seine Lage im strategisch und wirtschaftlich wichtigen „Königssondergau“ des Mittelalters und darüber hinaus wie für viele andere Siedlungen die Lage in der naturgegebenen Nord-Südachse des Oberrheingraben, der gleichzeitig auch Sammelzone für Volksgruppen aller Art war. Damit war für den Siedlungsfleck Kostheim unabwendbar eine immer wiederkehrende Abfolge von Aufbau und Niedergang, ein ebenso häufiger Wechsel von kirchlicher und weltlicher Obrigkeiten, letzteres letztlich bis 1945.
 

Beschränkt man sich aus der Geschichte Kostheims auf ausgewählte und auch im Heimatmuseum Kostheim nachvollziehbare Akzente so kann man mit einer Urkunde Karl des Großen, gezeichnet am 31. August 790 in „Copsistaino“ einen Anfang setze. Bald danach war Kostheim ein Schenkungsobjekt an das Salvatorstift zu Frankfurt (später Frankfurter Dom), danach ab Februar 1000 ein Lehen an das Kloster Burtscheid bei Aachen und letztlich zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde Kostheim mit Hilfe des Mainzer Erzbischofs geistliche Instituten zu Mainz überlassen, wie z.B. den Herren von St. Stefan oder dem Jungfrauenkloster Altmünster. Ab 1528 gehörte Kostheim zum Erzstift Mainz.
Geschichtsspuren lassen sich fortsetzen über den Schwedenkönig Gustav Adolf bis zu zur Gründung der sog. Mainzer Republik im Jahre 1793 und der fast totalen Vernichtung Kostheims im Zusammenhang mit den deutsch-französischen Kämpfen um die Festung Mainz. Die christliche Grundhaltung ging in Kostheim trotz großer Schicksalsturbulenzen nie verloren und auch dann nicht, als fast alle Kostheimer Bürger als erste Gemeinde im Großraum Mainz unter Führung ihres Mitbürgers Adam Lux im Jahre 1792 einen Freiheitsbaum pflanzten. Gemessen an den erlebten tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse waren für sie die Grundideale der französischen Revolution durchaus auch christliche Grundsätze, für die man streiten sollte. Was danach in Paris geschah und sogar Adam Lux auf dem Schafott der Jakobiner landete, konnte man zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.
Die Geschichte und die jeweiligen Lebensumstände einschließlich der Strukturveränderungen mit der Industrieentwicklung in Kostheim haben das Bild des Ortes und seine Menschen geprägt. Dazu gehört aber auch das Zusammenrücken in Form vieler Vereine aller Art, die nach wie vor lebendige Sozialstruktur und die Gastfreundschaft.
Dies und vieles aus dem vorangehend gesagten waren Triebfedern sich dafür einzusetzen, dass Kostheim eine der Stationen der Bonifatius-Route werden sollte.
Dafür gibt es aber auch Überlegungen, die aus heutiger Sicht logisch, aber historisch zur Zeit nicht belegbar sind. Manche Historiker sagen, dass der Leichnam Bonifatius von Mainz per Boot direkt nach Hochheim gebracht wurde. Eindeutig belegbar ist auch dies nicht. Realistischer erscheint, dass der Leichnam auf direktem und kürzestem Weg per Boot über den Rheingebracht wurde, zumal schon in dieser Zeit mangels einer Brücke ein intensiver und rutinierter Bootsverkehr zwischen Mainz und Kastel bestand. Warum sollte man nicht diesen Weg gewählt haben und statt dessen den gefährlicheren und längeren Wasserweg Rhein aufwärts und Main aufwärts! Sicher – belegbar ist auch dies nicht, aber es ist logischer.
Zwingend ist dagegen, dass ein Pilgerweg von Mainz nach Hochheim, der der tatsächen Route möglichst angepasst ist, durch Kastel und Kostheim gehen muss. Und so wurde der Pilgerweg am 10. Juli 2004 auch definiert und eingeweiht.
Nun hoffen wir, dass er und seine Abschnitte eine große Akzeptanz erfahren und uns damit die Chance gegeben wird, den Pilgern Land und Leute an der Mainmündung mit den schönen, aber auch mit den Problemseiten vorstellen zu können. Wir freuen uns darauf.
 

w6a
w2a
w5a
w1a
stern02
a_wap_08_2